Der lange Weg zur schönen Handschrift

Fragen zur neuen Spitzfeder oder zur Technik? Das Thema Kalligraphie findet hier seinen Platz.
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Knoffel
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Der lange Weg zur schönen Handschrift

Beitrag von Knoffel » Mi 12. Okt 2016, 10:25

Wenn wir in der Alltagssprache von Handschrift sprechen, meinen wir für gewöhnlich die ganz normale Schreibschrift, die dem Schreiber ebenso einfach von der Hand geht, wie die Alltagssprache aus dem Mund kommt. Mit allen Individualitäten und Unsauberkeiten, die sich über die Jahre eingebürgert haben, teils motiviert, teils unmotiviert.

Kalligraphie hingegen ist ein genormtes, das heißt standardisiertes Schreiben, bei dem Unsauberkeiten nicht zulässig sind. Individualitäten, wie besondere Schnörkel und Verzierungen, sind heutzutage erlaubt, früher waren auch diese unzulässig - es musste strikt nach Norm geschrieben werden. Das lag auch daran, dass vor Erfindung des Buchdrucks Bücher oder andere Schriften nur vervielfältigt werden konnten, indem man sie einfach mehrfach schrieb. Für die Schreiber im Mittelalter war das eine sehr mühselige Arbeit. Kalligraphie ist freilich nicht auf Schreibschrift reduziert, sondern bedeutet nur, eine bestimmte Schrift sehr sauber und geradezu kunstvoll zu schreiben.

Um sich eine schöne Handschrift anzutrainieren, ist es meiner Meinung nach notwendig, zunächst absolut sauber in der Schrift schreiben zu können, die man später im Alltag verwenden will. Kinder wurden früher gedrillt, bei Erwachsenen ist das bei ausreichend Interesse, Zeit und Motivation glücklicherweise nicht nötig. Sich der Kalligraphie zu widmen, ist ein guter Weg, sich eine Handschrift anzueignen, die nicht nur leserlich, sondern auch schön ist, da das Kalligraphieren Ruhe und Konzentration abverlangt, vor allem, wenn man filigranes Schreibgerät einsetzt. Wenn Du das nach fleißigem Üben irgendwann gut kannst und alle Groß- und Kleinbuchstaben sauber in die Motorik übergegangen sind, wird Dir das schnellere Schreiben im Alltag viel leichter fallen. Auch Deinem Geist werden die Ruhe und Konzentration zuträglich sein. Mit ein bisschen Musik oder einem Hörspiel und etwas Tee, der über einem Stövchen warmgehalten wird, ist das immer eine angenehme Beschäftigung am Abend.

Engrosser's Script

Wenn Du Schreibschrift einsetzen möchtest – was eine Geschmacksfrage ist – liegt natürlich auf der Hand, das einzusetzen, was vielerorts als Copperplate bezeichnet und mit einer Spitzfeder geschrieben wird. Die Bezeichnungen sind jedoch relativ uneinheitlich. Deshalb ist es nötig, zunächst etwas Ordnung in die Terminologie zu bringen – immerhin möchte man wissen, was man da eigentlich schreibt.

Tatsächlich schreibt man nicht in Copperplate, sondern das, was wir heute mit einer Spitzfeder in der Kalligraphie schreiben, nennt sich Engrosser's Script (auch Engraver's Script). Dabei handelt es sich um eine Schreibweise der English Roundhand aus dem 17. Jahrhundert, die ihrerseits auf die französische Ronde zurückgeht. Diese Schrift wurde nicht mit Spitzfeder geschrieben, sondern mit einem Federkiel und wurde anschließend auf eine Kupferplatte übertragen. Im Gegensatz zur heutigen Spitzfeder war der Federkiel nicht etwa spitz, sondern ähnlich einer Bandzugfeder (auch Wechselzugfeder genannt) breitkantig angeschnitten. Die Engrosser's Script ist also eine Art Konvertierung der English Roundhand auf das Instrument der Spitzfeder.

Sowohl Copperplate Script, English Roundhand, Anglaise, Englische Schreibschrift, Engrosser's als auch Engraver's Script bezeichnen im Alltag daher ein und dieselbe Schrift, wenn man vom Schreiben mit einer Spitzfeder ausgeht. Nicht zu verwechseln jedoch mit der amerikanischen Spencerian Script aus dem früheren 19. Jahrhundert.

Materialien

Wenn Du Lust hast, Dich mit Engrosser's Script zu beschäftigen, benötigst Du naturgemäß eine Spitzfeder.

Empfohlen werden oft die bei Mangazeichnern beliebten und robusten G-Nibs von Zebra oder Nikko. Da Du jedoch davon sprichst, oft zu verkrampfen, könntest Du auch die filigranere Brause 361 probieren. Hier musst Du weniger aufdrücken, um dicke Linien zu zeichnen und bekommst auch hauchdünne Linien hin. Dafür geht sie eher kaputt, daher ist es besser, wenn Du beide Federn probierst. Daneben benötigst Du natürlich einen Federhalter (ggf. auch einen Oblique-Aufsatz), Tinte (am besten Eisengallustinte und noch besser die von Thom), gutes Papier und vor allem eine Schreibunterlage, die Du unter das Blatt legst.

Das ist jedoch nur eine kurze bzw. gar keine Zusammenfassung, was den richtigen Umgang mit einer Spitzfeder angeht. Gib einfach Bescheid, falls Du hierzu ein paar Tipps benötigst.
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