Wie ersetzt man einen Tintensack?

Anleitung

Veröffentlicht am 17. Oktober 2016

Überarbeitet am 8. April 2019

1Tintensäcke dienten als Reservoir für die Tinte des Füllfederhalters und kamen in einer Vielzahl der früher her­gestellten Schreibgeräte zum Einsatz. Am bekanntesten sind wohl die robusten und zuhauf produ­zierten Hebel­füller (Lever-Filler), doch auch andere Self-Filling-Pens wie (Push)-Button- und Twist-Fillers nutzten konven­tionelle Tintensäcke. Sie wurden und werden auch heute noch in erster Linie aus schwarzem Naturkau­tschuk (Latex), ver­einzelt aus Weich-PVC (Vinyl) und in den letzten Jahren auch aus durchsichtigem Silikon hergestellt.

I. Grundlegendes

1. Materialien

2Naturkautschuk — Tintensäcke aus Latex sind meistens das Mittel der Wahl. Sie sind sehr flexibel und weisen eine relative, für diesen Zweck ausreichende Gasdichte1 auf. Bestimmte (moderne) Tinten sind jedoch in der Lage, das Material zu zersetzen2, sodass keine problematischen Tinten verwendet werden sollten. Zudem steht das Material in Verdacht, für die mehr oder weniger typischen Verfärbungen an alten farbigen Zelluloid-Füllern ver­antwortlich zu sein, weil es über die Zeit Schwefel freisetzt3. Verantwortlich könnten jedoch auch die Tinten­reste sein, die über die Jahre beim Zerfall des Tintensacks austreten. Während sich die Zusammen­set­zung der La­tex-Tintensäcke nach dem Aufkommen der ersten Zelluloid-Fül­ler geändert hat, sind dem größten Her­steller nach eigenen Angaben in den letzten 30 Jahren keine Meldungen über verfärbte Zelluloid-Füller zugegangen.4

3Silikon — Sie sind durchsichtig und können bei transparenten Füllfederhaltern eingesetzt werden, wo schwarze Tintensäcke das Erscheinungsbild stören könnten. Zudem ist das Material chemisch stabiler, was sie haltbarer und weniger anfällig für aggressive Tinten macht. Sie sind auf der anderen Seite nicht so flexibel und ihr Haupt­nachteil ist, dass sie eine relativ hohe Gasdurchlässigkeit aufweisen, sodass sich manche Füller abhängig von der Lagerung in wenigen Tagen ihrer Tinte entledigen. Füllfederhalter mit einem befüllten Tintensack aus Silikon müs­sen daher grundsätzlich aufrecht (die Feder zeigt nach oben) gelagert werden.

4Weich-PVC — Sie können sowohl durchsichtig als auch schwarz sein. Das verwendete PVC enthält Weichmacher, die ausgasen und angrenzendes Material massiv beschädigen können. Tintensäcke aus Weich-PVC sollten daher nur in Füllfederhaltern eingesetzt werden, die auch dafür ausgelegt sind (wie der Aerometric Parker 515).

5In der Vergangenheit wurden Silikon-Tintensäcke verkauft, die in Wahrheit aus Weich-PVC bestanden. Beim Kauf ist darauf zu achten, wie der Tintensack aussieht, da sie sich im Herstellungsverfahren unterscheiden.6

2. Gängige Formen

6 Straight Sac
Durchgehend gerade straight pen sac
Necked Sac
Flaschenhalsform necked pen sac

7Silikon straight sac

3. Berechnen der Größe

8Die Größen beziehen sich auf den Außendurchmesser des Tintensacks in Zoll, der sich aus dem x-Fachen von 1/64 ergibt. Ein Tintensack mit der Größe 16 hat demnach einen Durchmesser von 16/64 Zoll:

9Größe / 64 ≈ 0,25 Zoll × 25,4 = 6,35 Millimeter

10Die Länge von Tintensäcken, die durchgehend gerade sind (Straight) muss vorher nicht abgemessen werden, sondern kann später unproblematisch auf das richtige Maß gekürzt werden.

11Tintensäcke mit einer Öffnung in Flaschenhalsform (Necked), die in Füllfederhaltern mit hebellosen Systemen eingesetzt werden können, haben es hier schon schwerer, da man sie naturgemäß nur bis zu einem gewissen Grad kürzen kann, ohne sie zu entstellen. Man muss also im Vorfeld recherchieren, welcher Sack der richtige ist.

II. Austausch

1. Trennen von Griffsektion und Schaft

a) Versiegelung

12Früher wurden Griffsektion und Schaft von den Herstellern häufig mit einer Lösung aus Schellack versiegelt. Damit konnte man ein (auch versehentliches) Aufschrauben oder Abziehen der Griffsektion durch den Anwender wirkungsvoll ver­hin­dern. Zugleich diente es auch als Schutz vor eindrin­gen­der Tinte, steckte man den Füllfeder­halter etwas zu tief ins Tintenglas.7 Leider führte diese starke Verbindung von Griffsektion und Schaft auch zu so manch verunglücktem Öffnungsversuch, weil die Teile von Hand einfach nicht voneinander zu trennen waren.

13Der Schmelzpunkt von Schellack wird unterschiedlich angegeben und liegt grob bei einer Temperatur im Bereich von 60 bis 100 Grad8. Um Griffsektion und Schaft nun beschädigungsfrei voneinander zu trennen, muss der bei Zimmertemperatur harte und spröde Schellack erwärmt werden, wofür sich mehrere Methoden eignen, aber nur eine hinreichend sicher in der Anwendung ist, nämlich heiße Luft. Die Temperatur sollte 70 Grad nicht über­schrei­ten, insbesondere bei sensiblen Materialien wie Zelluloid. Ebonit verhält sich hier weniger kritisch, weil es sich (ohne Druck) weder verformt9 noch schmilzt. Das Erwärmen soll nicht alleine dazu dienen, den Schellack weicher zu machen, sondern setzt auch die Bruchgefahr des Materials deutlich herab.

14Griffsektion und Schaft waren übrigens in aller Regel durch eine Steckverbindung (slip oder friction fit), später auch durch eine Schraubverbindung (threaded fit) miteinander verbunden. Beim Öffnen sollte die Griffsektion also immer gegen den Uhrzeigersinn gedreht werden, um Schäden an einem evt. vorhandenen Gewinde zu vermeiden.

b) Lösen der Versiegelung

15Die beschriebenen Methoden haben gemeinsam, dass sie beim ersten Versuch misslingen können. Manchmal müssen die Schritte mehrfach wiederholt werden und es kann Tage dauern, bis es schlussendlich klappt.

16Um später einen besseren Halt beim Aufschrauben zu haben, sollte man einen Gummihandschuh bereitlegen. Bei großen Füllfederhaltern kann der Einsatz spezieller Zangen (Section Pliers) hilfreich sein. Ist die Griffsektion jedoch zu klein, wie das bei vielen der früher hergestellten Füllfederhalter der Fall ist, kann diese gequetscht und beschädigt werden, sodass im Zweifel davon abgesehen werden sollte, Zangen zu verwenden. section pliers

17Heißluftgeräte — Heat Guns können bei ungeübter Bedienung bzw. falscher Einstellung in wenigen Sekunden dazu führen, dass sich nicht nur die Schellackverbindung auflöst, sondern auch der Füllfederhalter selbst. Zelluloid ist zudem leicht brennbar10. Zwar werden Heißluftgeräte von professionellen Restauratoren eingesetzt, weil diese sicherstellen können, keine kritischen Temperaturen zu erreichen. In den meisten Fällen sind solche Geräte jedoch nicht nötig, sodass sich ihr Einsatz für Anfänger ohnehin nicht rechnet.

18Haartrockner — Empfehlenswerter ist der Einsatz eines handelsüblichen Föhns. Diesen schaltet man auf die höchste Temperaturstufe und zielt damit auf den Bereich, der erwärmt werden soll, während man den Füllfeder­halter die ganze Zeit dreht, um eine ungleichmäßige Erwärmung zu vermeiden. Dabei versucht man immer wieder, die Griffsektion vom Schaft abzuschrauben. hairdryer

19Heißes Wasser (Nicht empfohlen) — Eine effektive, jedoch risikobehaftete Möglichkeit liegt darin, die Verbindung indirekt mit heißem Wasser zu lösen. Dazu benötigt man einen Druckverschlussbeutel und ein Glas mit kochend heißem Wasser. In den Druckverschlussbeutel steckt man die Spitze des Füllfederhalters. Anschließend taucht man das Ganze für einige Sekunden in das heiße Wasser ein, holt es wieder heraus, trocknet es ggf. ab und probiert sofort, die Griffsektion abzuschrauben. hairdryer

20Das Risiko bei dieser Methode liegt weniger in der Temperatur an sich – die kann zwar recht hoch sein, je nach­dem, wie lange man nach dem Eingießen des Wassers noch wartet (der dünne Kunststoffbeutel ist nicht in der Lage, die Temperatur zu reduzieren) –, sondern darin, dass der kaum hitzebeständige11 Druckver­schlussbeutel während der Prozedur undicht werden könnte (oder von Anfang an ist), was dazu führen würde, dass der Füllfeder­halter ungewollt mit dem heißen Wasser in Berührung kommt. Zelluloid kann dadurch beschädigt werden, was sich in einer milchig-stumpf­en Oberfläche äußert (clouding). Ebonit wird durch heißes Wasser zwar nicht beschä­digt, Wasser kann bei Ebonit allerdings grundsätzlich, ob heiß oder kalt12, alterungsbedingte und unschöne grüne Verfärbungen zum Vorschein bringen, die zuvor nicht sichtbar waren. Wenn man nicht vorhatte, diese Schäden später mitunter mühselig zu restaurieren, sondern einfach nur den Tintensack ersetzen möchte, sollte man von dieser Methode also Abstand nehmen.

2. Entfernen des alten Tintensacks

21Bevor man einen neuen Tintensack einsetzt, müssen natürlich die Reste des alten Tintensacks entfernt werden. Mitunter lassen sich diese bereits durch leichtes Klopfen aus dem Schaft des Füllfederhalters leeren: old

22Zur Entfernung festsitzender Teile hat sich der Einsatz einer Schraube bewährt. Häufig gelingt es damit, ganze Teile des Tintensacks herauszuholen, vor allem, wenn diese an den Seiten des Schafts festkleben: unscrew it

23Nun muss auch das Anschlussstück der Griffsektion aufgearbeitet werden. Den Tintenleiter sollte man dabei sicherheitshalber nicht entfernen, da hierdurch das Material der Griffsektion unnötig geschwächt würde: cleaning connecting part

24Die oftmals steinharten Rückstände des Tintensacks können bei der Aufarbeitung des Anschlussstücks ab­splittern und in alle Richtungen fliegen, sodass sich das Aufsetzen einer Schutzbrille empfiehlt.

3. Bemessen der Größe des neuen Tintensacks

25Bei Hebelfüllern kommt für gewöhnlich ein durchgehend gerader Tintensack (Straight) zum Einsatz.

Hat man keine Tintensäcke vorliegen, ist ein guter Anhaltspunkt für die Bemessung der passenden Größe der Durchmesser des Anschlussstücks der Griffsektion (auch Mundstück genannt) des Füllfederhalters: sac peg

26Der Durchmesser des gezeigten Anschlussstücks beträgt etwas mehr als 6 Millimeter, sodass man hier zwischen den Größen 15 (Ø 5,95 mm) und 16 (Ø 6,35 mm) wählen kann. Man muss jedoch nicht automatisch die kleinere Version der beiden wählen, denn der Innendurchmesser des Tintensacks ist (um etwa 1 mm) geringer als sein Außendurchmesser. Sitzt der Tintensack nicht lose auf dem Anschlussstück auf, sondern hat dort einen gewissen Halt, reicht das aus, um ihn später ordnungsgemäß verkleben zu können.

27Gleitet der unbehandelte Tintensack jedoch nicht ohne Druck in den Schaft des Füllfederhalters, ist er zu groß, da er aufgrund von Temperaturschwankungen später Raum benötigen wird, um sich auszudehnen. Im Zweifel sollte also ein kleinerer Tintensack verwendet werden, auch wenn sich damit das nutzbare Tintenvolument reduziert.

4. Zuschneiden der Länge

28Der Tintensack darf nicht gequetscht werden, wenn Schaft und Griffsektion wieder miteinander verbunden werden. Um die korrekte Länge zu eruieren, muss man zunächst den Tintensack bis ans Schaftende schieben: put in

29Anschließend schneidet man das überstehende Stück einfach ab – allerdings nicht allzu nahe am Gewinde, um Beschädigungen zu vermeiden: cut to length

30Nun wird der Tintensack noch einmal um etwa einen Zentimeter bzw. um die Länge des Anschlussstücks gekürzt: cut to length

5. Verkleben des Tintensacks

31Tintensäcke aus Naturkautschuk werden traditionell mit einer Lösung aus Schellack verklebt. Mithilfe eines Zahnstochers oder einem Streichholz lässt sich dieses Klebemittel einfach verteilen: put in

32Wenn man den Schellack aufgetragen hat, muss man den Tintensack zeitnah über das Anschlussstück stülpen und ihn so anschieben, dass er gerade sitzt. Dieser Vorgang kann sich mitunter als etwas schwierig erweisen, doch wenn erst der frische Schellack aufgetragen wurde, geht es dann meist problemlos von der Hand.

33Hat man den Tintensack verklebt, muss der Schellack noch trocknen. Normalerweise reicht schon eine halbe Stunde Warten aus, um eine einigermaßen belastbare Verbindung zu erreichen. Man sollte den Füllmechanismus nur nicht zu ausgiebig nutzen, wenn man Griffsektion und Schaft schon bald wieder miteinander verbinden will.

34Schellack als Klebemittel ist bis auf wenige Ausnahmen alternativlos. Die Verwendung von Nagellack o. Ä. kann zu Materialschäden führen und eine spätere schadensfreie Wartung erschweren.

6. Talkum oder Graphit

35Der vorletzte Schritt liegt darin, den Tintensack mit Talkum oder Graphit zu bestreichen. Andernfalls würde sich der Tintensack durch die entstehenden Reibekräfte beim Bedienen des Füllmechanismus frühzeitig abnutzen: talc

36Überschüssiges Talkum kann man abschütteln, in der Regel genügt eine moderate Menge: talc

37In der Wissenschaft ist gegenwärtig umstritten, ob Talkum selbst krebserregend ist – fernab eventueller (früherer) Verunreinigungen mit Asbest.13 Einatmen sollte man das Pulver, das gilt für alle Stäube, auf jeden Fall nicht. Wer sich hier unsicher ist, kann als Ersatz auch Graphit14 verwenden.

7. Wiederverbinden von Griffsektion und Schaft

a) Zusammenstecken- oder schrauben

38Schraubverbindungen — Im Anwendungsbeispiel (ab Bemessen der Größe des neuen Tintensacks) handelt es sich um einen Füllfederhalter aus den späten 1940er-Jahren, bei dem Griffsektion und Schaft bereits über eine Schraubverbindung verfügten. In diesem Falle reicht es aus, die beiden Teile langsam wieder miteinander zu ver­schrauben, wobei darauf geachtet werden muss, dass sich der Tintensack nicht im Inneren des Schafts verdreht.

39Steckverbindungen — Viel häufiger hingegen sind Steckverbindungen anzutreffen. Hier ist bei Hebelfüllern schon aus optischen, aber auch ergonomischen Gründen darauf zu achten, dass Hebel und Feder beim Zusammen­stecken auf einer geraden Linie liegen: in line

40 Lässt sich die Konstruktion nur mit erhöhtem Kraftaufwand wieder zusammenstecken- oder schrauben, muss der Schaft erwärmt werden, damit er keinen Schaden nimmt.

b) Erneutes Versiegeln

41Wenn sich die Verbindung im späteren Verlauf als etwas zu locker erweisen sollte, kann diese fixiert werden, indem man auf Gewinde bzw. Zapfen der Griffsektion eine moderate Menge Schellack aufträgt: section sealing

42Es ist kein Kunstfehler, die beiden Teile aufgrund der in a) Versiegelung genannten Vorteile nach Abschluss der Arbeiten grund­sätzlich auf diese Art wieder miteinander zu vereinen. Zwingend notwendig ist dies nach überwie­gender Ansicht allerdings nicht, insbesondere dann nicht, wenn der Füllfederhalter ohnehin in den Händen eines Kenners bleibt. Zudem muss berücksichtigt werden, dass eine zu starke Versiegelung immer mit der Gefahr ein­hergeht, dass sich die Teile später womöglich nicht mehr beschädigungsfrei voneinander trennen lassen.

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